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Musterbrief

Liebe Manuela,

Alles Gute zum Geburtstag! Ich möchte Dich an diesem speziellen Tag mit Angela Friedl bekanntmachen, die ebenso wie Du am 5. April Geburtstag hat. Nun hat man ja nie als einzige oder einziger Geburtstag – immer sind da auch in Graz hunderte Personen, die am gleichen Tag feiern können oder vor Jahren gefeiert haben. Eine dieser Personen ist Angela Friedl. Im Grunde hat das Leben von Angela Friedl mit dem Deinen wenig zu tun; gerade einmal eure Geburtstage sind die gleichen. Möglich also, dass Du sie vergessen wirst, sobald Du diesen Brief gelesen hast.

Mein Name ist Jogi Hofmüller. Im Jahr 2008 – in deinem Geburtsjahr also – beschäftige ich mich gemeinsam mit einigen weiteren Künstler_innen mit dem Thema Widerstand. Unser Ausgangspunkt war eine Liste von Namen von Frauen, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts Widerstand gegen das Naziregime leisteten und dafür umgebracht wurden. Der Zufall wollte es, dass Du an einem Tag geboren wurdest, an dem auch eine der Frauen auf dieser Liste geboren wurden, lange vor Deiner und lange vor meiner Zeit.

Als ich zum ersten Mal erfuhr, dass die ebenfalls vor dem Ende des Krieges von den Nazis getöteten Sophie Leifheim und Christine Spieß am gleichen Tag wie ich Geburtstag hatten, schien mir das ein merkwürdiger Zufall; erst nach einiger Zeit begann ich, mich für ihre Leben zu interessieren. Vieles hat sich nicht mehr in Erfahrung bringen lassen; nicht nur sie sind lange tot, auch ihre Freundinnen und Freunde, die die Nazis überlebten, sind längst gestorben.

Aber Christine Spieß und Sophie Leifheim haben mir ein wenig begreiflicher werden lassen, was Nationalsozialismus bedeutet – nicht nur das, was wir im Geschichtsunterricht und bei den mit viel Pathos und wenig Inhalt gefeierten Jubiläen vermittelt bekommen, sondern auch Alltag.

Bis sie verhaftet wurde, musste Sophie Leifheim arbeiten gehen; aber gleichzeitig versuchte sie, politische Gefangene zu unterstützen. Vielleicht trank sie gern beim Buschenschank einen Wein; aber sie war nicht einverstanden damit, dass die Nazis fast ganz Europa mit Krieg überzogen. Sie hat sich mit ihrem Mann gestritten und schließlich scheiden lassen; aber die Vernichtung der Juden konnte sie nicht ertragen. Vielleicht hatte sie Angst; aber sie handelte trotzdem. Sophie Leifheim war sicher keine übermenschliche Heldin; aber von ihr habe ich gelernt, dass man nicht einverstanden sein muss und dass man handeln kann.

Auch Christine Spieß war in gewisser Weise eine ganz normale Frau ihrer Zeit. Sie war verheiratet, hatte zwei Söhne und lebte im oststeirischen Pöllau. Ihr Vergehen war es, die Partisan_innen in der Oststeiermark zu unterstützen. Vielleicht hat sie diese mit Essen versorgt oder ihnen einen Schlafplatz gegeben. Sicher ist nur, dass sie das Ende des Krieges nicht mehr erlebte, weil sie etwas tat, das sie für richtig, für wichtig und notwendig erachtete.

Obwohl dieser Brief eher untypisch für die Gelegenheit ist, möchte ich Dir nochmals herzlich zum Geburtstag gratulieren – möge das kommende Jahr, mögen die kommenden Jahre erfreulich und erfolgreich für Dich sein. Ich finde, es gibt Zeiten für alles, und Geburtstage sind Zeiten zum Feiern. Und wenn dich interessiert, was aus diesem Projekt wurde und wer Angela Friedl war, gibt es im Internet einen Link, der vielleicht auch noch 15 oder mehr Jahre nach dem Projekt im Jahr 2008 noch funktioniert: http://alltag.mur.at/

Jogi Hofmüller

PS: Im Buch "Die im Dunkeln sieht man doch, Frauen im Widerstand – beschäftige ich mich gemeinsam mit einigen weiteren Künstler_innen mit dem Thema Widerstand. Unser Ausgangspunkt war eine Liste von Namen von Verfolgung von Frauen in der Steiermark" findet sich ein kurzer Absatz zu Angela Friedl, sowie zu 50 weiteren Frauen, die in der einen oder anderen Weise Widerstand gegen die Nazis leisteten.